Ein Liebeslied den Kräutern

 

Klingelingeling
Mächtige Mutter Beifuß
qualmt duftend das Äuglein frei,
ruft Venus und Sandär zum Thymus herbei.
Der Thymus, nah am Herzen, regt sich dann
in alten Schmerzen. Zur Stärkung und zum Schutze drum
baut Mutter Brennessel den Feuerkreis herum.
Mit zartgebrannten und erweckten Händen, mag sich Lichtes Kind
nun wenden, dem Drehaug folgend, zu Freyas Liebesgarten hin...

Die Wege säumt der bittre König Wegerich,
der ist in seinem unscheinbaren Mantel so bescheiden,
dass prunksüchtige Augen ihn tunlichst meiden. Nur die Bauern und Wandrer wissen,
daß er zurecht der König heißt, weil dieser königliche Wegerich,
allen Hufen und Stiefeln trotzend, heilet jeden Stich
und macht den Wandrer zäh und wohlgemut. So dass er,
so er reinen Herzens ist,

findet das kostbare Gut,
das duftet und raunet - Klingeling - in den herrlichsten Formen und Farben...

Durch des Schwellenhüters Zinnkrautwäldchen, wo die Zwerge hausen,
und hinter Widars knöchernen Ähren, Frau Hollens Winde brausen,
kann der Wandrer dann lernen, von Saturns strengen Sternen,
dass im starren Skelett, mehr Leben wohnt als Tod,
der Ich-Erstarrung entsetzt, verlängert sich sein Leben und wird gelindert seine Not.

 

Sind dann rotes und grünes Blut im Reinen,
wird Zwergenkönig Laurin dem Wandrer den Zugang nicht länger verneinen.
Heimdalls weise Mütter öffnen ihren Schoß, im Kreise der Ahnen, der Asen und der Wanen,
keimen im lange schmachtenden und verirrten Herzen, das tapfer folgte dem Ruf der Schmerzen,
nun Widars stille Samen und auf der Seele Brachland gedeiht der Liebesgarten.


Denn wisse: Im geduldigen und immer wiederkehrenden Schweigezauber der holden Pflanzenwelt,
da liegt ein Warten. Auf unsere Wiederkehr. Auf die Vermählung von Himmel und Erd.

Der liebenden Seele gedeihen die Pflänzlein in holdem Glück
und bringen uraltes Schöpfungswissen zurück!

 

Der liebe Giersch, der unter zartweißen Blütchen strotzt vor Kraftesflüssen,
den sollt kein Zaubersüppchen missen. Der bescheiden wuchernde Gundermann,
der mit lila Glöckchen alte Träume emporheben und heilen kann, der gab einst
dem Lusttrank Liebeskraft, bis dass der Pfaffe die alten Rezepte verschlafft'.
Das herzliche kleine Gänseblümchen, der Kinder liebster Freund, das ist im Bunde mit den Sonnen
und schenkt uns daher zärtlichst herzerwärmende Wonnen. Das Labkraut, der fleissige Freund,
das heftet sich an Fell und Kleid und spricht so deutlich: Labe dich an mir, ich heile dich von Gift und Leid.
Und erst der Löwenzahn, der mächtige Herold des Lichts, der sich selbst durch Asphalt und Müllhalden bricht,
uns auf Schritt und Tritt bis in die häßlichsten Niederungen folgt, und mit seinem Lebenskreislauf dem
Kreislauf und der Kraft der Schöpfung Ehre zollt.

Diese holden Wesen, um nur einige aus Freyas und Perchtens Schoß zu nennen,
tun fleissig alles drum, dass wir erkennen:

 

Kein höheres und hehreres Ziel gibt es im Schöpfungsreigen
als dass das rote und das grüne Blut sich liebend voreinander verneigen.
Und gemeinsam neue Äcker bestellen, um des Lebens Fortlauf zu erhellen...

 

 

(c) Eldy Cocou